365 Tage standen vor mir - und zwar nicht als große, mächtige Zahl, sondern mit der Gewissheit dass es das ist, was ich will. Ziemlich spontan hatte ich mich dazu entschlossen, denn der Tipp Nr. 1 eines jeden Fotografen, Coaches und Künstlers unter der Sonne von dem ich gelesen hatte war der: Fotografiere JEDEN Tag! Also habe ich mich hineingestürzt. Ich wollte mit meinen Fotos die kleinen Dinge festhalten und auch später mit meinen Fotos das Gefühl für den Moment wieder aufleben lassen. Und dabei endlich meinen Stil finden und entwickeln. Vielleicht kam es auch ein wenig einer Sinnsuche gleich: Wer bin ich? Und wie kann ich mich selbst in meinen Bildern wiederfinden?  Oder will ich lediglich unsere gemeinsame Zeit dokumentieren? Geht es mir um die Ästhetik der Bilder oder die Verewigung der Meilensteine meiner Kinder? Oder beides?

Die erste Erkenntnis: Ja, es ist viel Arbeit!

Was folgte waren Wochen und Monate intensiver Arbeit. Das tägliche Fotografieren bedeutet am Anfang: Viel fotografieren und experimentieren, viel auswählen, viel bearbeiten und ein Gefühl dafür entwickeln was mir gefällt. Ich saß also jeden Abend statt vorm Fernseher vor dem Bearbeitungsprogramm auf der Suche nach Erfahrung und Erkenntnis. Nach einigen Monaten, tausenden von Fotos und einer steilen Lernkurve kam zum einen eine erste Zufriedenheit mit den Ergebnissen auf. Aber es fühlte sich manchmal noch etwas verkrampft an. Ich stellte mich selbst unter Erfolgsdruck und der Spaß blieb dann über kurz oder lang auf der Strecke.

Ich musste mir neue Impulse suchen, es durfte nicht ausschließlich um die Kinder gehen und auch nicht jedes Mal ein "perfektes Foto" dabei entstehen. Ich spielte mit dem Unperfekten und ließ die große Kamera auch mal daheim und fotografierte tageweise ausschließlich mit dem Smartphone. Oder ich war auch mit einer handvoll Fotos am Tag zufrieden. Wenn du dich für ein 365-Tage-Projekt entscheidest empfehle ich dir daher: Sei nicht zu streng mit dir. Take it easy! Es soll doch Spaß machen!

Wenn du gerade an diesem Punkt bist lies gerne hier weiter: 

>MEIN 365-FOTOPROJEKT II: WIE ICH MICH MOTIVIERT HABE

Wie es weiterging: Das Fotografieren wurde zur zweiten Natur

Das Fotografieren im manuellen Modus der Kamera ist ein bisschen so wie Auto fahren lernen. Am Anfang ist man etwas überwältigt: Wie sollst du während du Kuppel, Gas und Schaltung bedienst auch noch gleichzeitig auf den Verkehr achten? Oder übersetzt aufs Fotografieren: Wie sollst du neben Zeit, Blende und ISO-Einstellung auch noch darauf achten was du da eigentlich fotografierst? Zumal ich ja kein Anfänger war: Es brauchte diese tägliche Übung, um mich danach wieder bewusst auf das Motiv konzentrieren zu können - und anschließend die verinnerlichten Einstellung kreativ einzusetzen zu können. 

Während ich vorher meine Kamera im Einsatz hatte, wenn das Licht gerade schön war, ging es mir jetzt darum einen schönen Moment festzuhalten: Und den schwierigen oder schlichtweg unattraktiven Lichtverhältnissen zu trotzen!

Regenwetter und kaum Licht am Tag? Who cares? Absolut jede Lichtsituation hat ihren Reiz - jede! Jetzt kann ich dieser Frau werden!

Meine Erkenntnis: Technik tritt in den Hintergrund und Gestaltung und Kreativität in den Vordergrund. Ich habe eine Vorstellung von einem Bild das ich erreichen möchte und kann ziemlich genau sagen welches Objektiv und welche Einstellung ich dazu brauche. Und das hilft in der Kinderfotografie ungemein - denn die Einstellung muss manchmal in Sekundenbruchteilen entschieden werden.

Die schönsten Geschichten erzählt das Leben, nicht mein Plan

Kinder fotografieren: Du kannst es nicht erzwingen! Das war zugegebenermaßen eine harte Lektion und manchmal probiere ich es trotzdem noch (mit sehr zweifelhaftem Erfolg): Ich versuche nicht nur das Bild sondern auch das Motiv zu kontrollieren. So, jetzt ist es raus! Manchmal, da sehe ich eine wunderschöne Gelegenheit für ein Bild, das ich mir im Kopf zurecht gelegt habe - aber meine Kinder haben ganz andere Pläne. Am Anfang hat mich das sogar manchmal auch wütend gemacht. 

Kleine verpasste Chancen für ein wunderschönes Foto vergehen jeden Tag, manchmal im Sekundentakt. Und weißt du was? Lerne sie ziehen zu lassen! Und besinne dich darauf, was du wirklich willst. Nämlich schöne Momente festhalten und intensiver wahrnehmen. Nicht ein Konstrukt aus fürs Bild gefakten "Glücksmomente" aufbauen ("ich erzähl dir mal ein Witz und dann lächelst du schön, ja?"). Für ein Fotoshooting mit einer Fotografin mag das vielleicht mal OK sein. Aber jeden Tag? Das ist ein bisschen wie sich selbst besch*****. Und - ich habe es probiert - es funktioniert nicht!

Und soll ich dir was sagen? Meine besten Fotos sind dann entstanden, wenn ich mich ganz auf die vor mir sich entwickelnde Situation eingelassen habe. Das Kind will jetzt nicht mehr den Sand durch die Hände rieseln lassen? Vielleicht verbuddelt es schon im nächsten Moment seine Beine darin. Kinder sind immer für eine Überraschung gut. Wenn ich sie einfach ihr Ding drehen lasse und ganz "nebenbei" fotografiere hatte ich immer die schönsten und natürlichsten Bilder. Und außerdem keine Fotofrazen!

Fotografieren öffnet die Augen für das Schöne, Verrückte und Lustige im Leben

Angenommen ich erzähle dir es gibt kaum grüne Autos auf den Straßen. Weißt du was passiert? Genau! Auf dem Weg zum Kindergarten,  zur Arbeit, zur Verabredung - überall begegnen dir grüne Autos! Genau so ging mir das mit meinem 365-Tage-Projekt: Ich hielt die Augen offen für die schönen Momente, schönes Licht, schöne Farbkombinationen und alles Schöne, was die Natur uns so zu bieten hat. Und habe es intensiver wahrnehmen und auch genießen können!

Es ist ein bisschen verrückt und hat vielleicht etwas mit einer Neuverknüpfung im Gehirn zu tun (sagt die Nichtbiologin). Aber es ist so: Wenn die Kinder anfangen mit dem Strohhalm in ihrem Milchmix zu blubbern kann das entweder ein Ärgernis sein - oder ein schönes Fotomotiv!

 

Mehr als einmal habe ich in den letzten 365 Tagen Fünfe gerade sein lassen und mich für Nummer zwei entschieden. Oder einfach nur genossen dabei zuzusehen, wie meine Jungs ihre Kindheit und das ganze Quatschmachen was dazu gehört, in vollen Zügen genießen.

Mein Ziel der täglichen Fotos war es ja das Kindsein festzuhalten. Das hat mir sozusagen den Rahmen vorgegeben und die Momente bestimmt in denen ich die Kamera vornahm. Was gehört also zum Kindsein dazu? An was kann ich mich aus meiner Kindheit erinnern?

Ja, ganz sicher habe ich die Milch zum Blubbern gebracht! Und noch viele andere Dinge getan, die zwar weder klinisch einwandfrei waren, aber trotzdem eine Menge Spaß machten. Mich damit wieder zu verbinden hat mir geholfen solche Momente besser zu genießen! Kamera hin oder her.

Die Stilfrage: Ich bin viele!

Wer bin ich fotografisch gesehen? Was ist mein Stil? Was soll mein Stil sein? Das wollte ich in den 365 Tagen herausfinden. Es gibt ja verschiedene Stilrichtungen, denen man sich verschreiben kann. Z.B. rein dokumentarisch arbeitende Fotografen (wie die herrliche Julia Erz), oder Fine-Art-Künstler wie Alain Laboile. Dann gibt es die eher klassischen Fotografen, Portraitfotografen mit durchweg gestellten Bildern, Studiofotografen. Es gibt Fotografen mit eher dunklen, kontrastreichen schwarz-weiss Bilderwelten (wie Niki Boon) oder sehr hellen, freundlichen Farben (wie Leni Moretti). Manche zeigen ausschließlich Kinder in der Natur, andere vom häuslichen Alltag. Und dann gibt es noch jedwede Abwandlung dieser Stilrichtungen unter der Sonne.

Auf der Suche nach meinem Stil  habe ich mich immer wieder von meiner inneren Stimme leiten lassen. Durch Aussortieren und Bewerten der Bilder. Und der Beantwortung der Frage (für mich!), warum mir ein Bild gefällt. Wenn ich ein Foto in meiner Sammlung aufgerufen habe, das in mir etwas bewegt hat - dann wusste ich es führt mich einen Schritt weiter in dieser Suche. Mit der Zeit kamen mir aber auch Bedenken: Bedeutet einen bestimmten Stil zu haben sich einschränken zu müssen? Und die Antwort für mich: Nein! Ich kann verschiedene Arten von Fotos machen und trotzdem mir treu bleiben. Die Sache mit dem Stil konnte ich also für mich immer noch nicht klären.

Was ich nun aber nennen kann sind grundlegende Eigenschaften der Fotos: Meine Fotos...

sind nah
sind oft ruhig, nachdenklich und emotional
zelebrieren das Licht und das Leben (mit allen Ups & Downs)
sprechen von Liebe und Kindheit
sind ungestellt und echt

Ob farbig pastell, knallbunt, schwarz-weiß, retro, warm oder kühl - ob messy, clean, artistisch oder klassich. Mein Stil kann alles sein. Ich bin weiter auf der Suche.

 

Das Abenteuer liegt in den alltäglichen Momenten

Wenn ich mir alle Fotos aus meinem 365-Fotoprojekt ansehe kristallisiert sich eins heraus: Alle Fotos, die ich in und um unserem Zuhause aufgenommen habe oder zu unseren alltäglichen Machenschaften und Routinen gehören, liegen mir besonders am Herzen. Sie sind aufgeladen mit Erinnerungen an einen Ort an dem wir uns wohlfühlen und Menschen mit denen wir uns wohlfühlen.

"Unser Alltag ist ihre Kindheit"

Wo hingegen die Bilder von unserem Outing ins Legoland vielleicht nett anzusehen sind, aber irgendwie nicht tiefer gehen. Woran ich mich erinnern möchte liegt im Alltag versteckt, und mein Anspruch ist es, es mit meinen Bilder hervorzuholen und glatt zu polieren. Ein kleiner Moment im Leben meines Kindes für später festzuhalten.

Das Lernen höret nimmer auf

Und, ist jetzt einfach Schluss nach den 365 Tagen? Sicher nicht! Ich habe viel ausprobieren können - das stimmt! Aber Stillstand kommt nicht in Frage. Ich bin immer noch nicht da, wo ich sein möchte. Ich will lernen, üben, weitermachen. Es gibt auch nach 365 Tagen genug zu lernen. Und ich glaube - selbst nach 365 Jahren gäbe es das! Also auf ins nächste Foto-Abenteuer!

 

Hast du auch schon ein Fotoprojekt hinter dir, oder planst eins? Hinterlass mir doch ein Kommentar unten!

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