Letzten Endes ist das einzig Perfekte ein weißes Papier - unberührt, ohne etwas darauf. Und wenn du nach Perfektion strebst, wirst du das weiße Papier weiß lassen.
— Neil Gaiman

Die Frage zieht mich magisch an wie Motten das Licht meiner Lampe: Das perfekte Foto - was ist das? Was muss ein Foto können, um für mich perfekt zu sein? So perfekt, dass ich nach Jahren als alte Oma im Schaukelstuhl zurückversetzt werde in das Leben mit meinen kleinen - dann großen - Kindern.

Scharf wie eine Peperoni

Diese Frage sprang mir wieder mitten ins Gesicht, als vorgestern mein Jüngster meine Kamera nahm und dieses Foto machte:

Ist es scharf? Nein! Zeigt es, was wir an diesem Tag unternommen haben? Nein! Lächeln wir und erfreuen uns unseres Lebens? Nein! Zeigt es einen wunderbaren Ort? Nein!

Weckt es Gefühle? Ohhhh ja!

Ein flüchtiger Moment, so flüchtig, dass er förmlich verschwimmt. Eine Momentaufnahme meines kleinen, kuschelbedürftigen Jungen, den ich in meinen Armen halten kann und (noch) darf. Ein echter, natürlicher Moment in unserem Zuhause, eingefangen von einem Dreijährigen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das technisch einwandfreie Bild wird überbewertet.

Das Motiv: Werbung für Margarine

Ich glaube, du weißt worauf ich hinaus will. Meine Erkenntnis: Es kommt einfach weniger darauf an, etwas Perfektes perfekt einfangen zu wollen. Und auch das Motiv muss nicht perfekt sein. Nicht immer müssen alle Beteiligten lächeln - auch traurige, angespannte, nachdenkliche Momente gehören zum Leben. Es gibt kein Leben ohne Chaos mit Kindern. Und wir wollen auch keine Werbung für Margarine machen.

Ich habe mich viel zu lange von den vielen wunderbaren Bildern in großen, luftigen, aufgeräumten Wohnungen entmutigen lassen und mich dann gefragt: Will ich Fotos für Margarinewerbung oder unser verrücktes, echtes Leben zu viert festhalten? In dem die Joghurtreste frei von Schuldbewusstsein auch schon mal mit der Hand aus dem Becher geschleckt werden und die Spülmaschine eigentlich immer offen steht.

Emotionen pur oder was will ich mit dem Bild?

Man bekommt es ja immer wieder gesagt: "Du musst auch mal an dich denken". Aber ach und weh! Fotos machen wir ja nicht nur für uns selbst, sondern auch für Andere. Ganz besonders ist das natürlich bei Kinderfotos so, denn die Verwandtschaft soll auch teilhaben am Leben ihrer Enkel, Neffen und Nichten. Und das ist auch gut so. Von mir bekommen Omas, Opas, Onkel und Tanten jeden Monat eine kleine Zusammenstellung an Bildern aus dem Leben der Jungs. Aber: Ich nehme (fast) nie Fotos auf, mit der Absicht diese zu veröffentlichen oder der Generationen übergreifenden Familiendiskussion frei zu geben. Der Prozess läuft viel eher anders herum: Ich halte unser Leben fest - in erster Linie für mich und die Jungs - und überlege danach welche sich zur Veröffentlichung eignen. Und das obliegt übrigens einer strengen Kuration meinerseits. Die Frage ist also: Was will ich mit dem Foto erreichen?

Typische Möglichkeiten bei Kinderfotos sind:

  • Ich möchte zeigen, was sie/wir gemacht haben
  • Ich möchte zeigen, was sie bereits können (Entwicklung)
  • Ich möchte festhalten, welche Personen sich um sie kümmern (Nähe, Freundschaft)
  • Ich möchte zeigen was neu ist (Entwicklungsschritte, Materielles)
  • Ich möchte einen lustigen, traurigen, spannenden, etc. Moment festhalten (Emotionen)
  • Ich möchte zeigen wie groß die Kinder geworden sind
  • Ich möchte zeigen, wie die Kinder aussehen (Portrait)
  • Ich möchte ihre Alltag zeigen (Tagesablauf / Routinen)
  • ....

Absoluter Topfavorit ist - wenn ich mich so umschaue - "ich möchte zeigen, was wir gemacht haben" und auch "ich möchte zeigen, wie die Kinder aussehen". Unmengen Fotos auf Spielplätzen, in Freizeitparks, in der Krabbelgruppe, und Portraitaufnahmen ohne Ende begegnen mir über alle Kanäle. Emotional berührende Bilder gibt es weniger oft. Und das ist schade. Das Streichen von Omas Hand über den kleinen Kopf des Enkels, der das sichtlich genießt. Der gespannte Gesichtsausdruck beim Öffnen eines Geschenkes. Oder der Stolz in den Augen des Babies, das gerade die große Sandburg seines Bruders zerstört hat. Sie werden auf diesen Fotos oft zum Beiwerk, und sind doch - zumindest für mich - das was zählt.

Deshalb die Frage an dich: Was ist dir wichtig, wenn du Fotos von deinen Kindern machst? Was möchtest du festhalten? 

Kreativer Ausdruck: Das Spiel mit dem weißen Papier

Nun gut, Erinnerungen können also auch gänzlich verschwommene Bilder wach werden lassen. Warum solltest du dich also überhaupt der Fotografie widmen, wenn jedes verwackelte Smartphone-Foto ausreichend ist? Selbst als ausgesprochener Marathon-Fotograf würde mir nie einfallen die Fotos anderer als weniger Wert zu bezeichnen. Fotos sind etwas sehr Persönliches und nur du kannst sagen und bestimmen, was sie dir bedeuten.

Und daher kann ich hier nur meine Sicht auf die Dinge von mir geben. Was hat die Fotografie mit mir gemacht? Als allererstes: Die Fotografie hat mir die Augen geöffnet für das (ästhetisch) Schöne! Ich erfreue mich  nicht nur meiner Kinder, sondern auch der Welt die sie umgibt. Ich ergötze mich an dem Stirnrunzeln meines Kleinsten während er mir in Professormanier mit erhobenem Finger die Welt erklärt. Details, die ich sonst vielleicht nicht bemerken würde (s. auch Wie lange noch? Flüchtige Momente mit Kind).

Zweitens: Ich freue mich, dass ich wieder spielen darf! Ich spiele mit meiner Kamera, probiere viel aus. Ich experimentiere mit den Einstellungen und welche Wirkung daraus entsteht. Ich lerne die Regeln, um sie dann zu brechen. Und ich freue mich, dass in der Zeit, in der es vordergründig um meine Kinder geht, auch für mich etwas Schönes dabei entsteht 

Drittens: Ich konzentriere mich wieder mehr auf Beziehungen. Denn sie sind zu dem Motiv meiner Fotos geworden. 

Viertens: Fotografie ist wie eine neue Sprache, mit der ich mich ausdrücken kann. Abstrakt, dokumentarisch, experimentell, kreativ - mit Farbe, Blende, ISO, Verschlusszeiten, Zeichen, Kontrasten, Geschichten, Details, Lichtfall und allem was dazu gehört.

Das Papier auf dem ich "schreibe" soll niemals leer bleiben. Ich möchte mich austoben - aufgeräumtes Wohnung hin oder her - und dadurch lernen, wie meine "fotografische Sprache" mit der Zeit immer flüssiger wird. Wie ich es schaffe meine Kinder und unser Leben mit all seinen Ups and Downs und seinen Emotionen für uns festzuhalten. Und das wünsche ich auch dir!

 

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