"Die Zeit geht viel zu schnell vorbei, genießen Sie sie" - diese Worte habe ich mehrere Male aus dem Mund mir unbekannter, älterer Frauen gehört. Ganz ungefragt, im Bus, in der Bahn, im Park. Das erste Mal - da war mein Älterer gerade 6 Monate alt.

"Die Zeit geht viel zu schnell vorbei, genießen Sie sie"

Damals konnte ich den Wert dieser Aussage noch nicht ganz fassen. Natürlich war mir klar, dass das Baby im Buggy wachsen würde, aber war das schlimm? Durchschlafen wäre ja auch mal wieder schön, gerne also! Heute weiß ich es besser. Und ich habe mir Mühe gegeben beim zweiten Kind alles noch viel mehr zu genießen: Wir haben den Morgen stundenlang kuschelnd im Bett verbracht und ich konnte mich an den kleinen, erst zerbrechlich wirkenden, dann dicken Ärmchen und Beinchen gar nicht satt sehen.

Babyspeck - der ist nun weg! (50mm, f/2,8, 1/80 Sek., ISO 800)

Babyspeck - der ist nun weg! (50mm, f/2,8, 1/80 Sek., ISO 800)

Flüchtige Momente wertschätzen lernen

Gerade heute habe ich den Satz wieder gelesen: Die Kanadierin Vanessa Heron schreibt in ihrem Beitrag Eines Tages werde ich jeden frustrierenden Elternmoment vermissen , wie sie sich nach einer anstrengenden, schlaflosen, kinder-kranken Zeit ständig fragte, wann diese Zeit nun endlich vorbei ist. Ich glaube, das kennt wohl jeder, wenn mal wieder die letzte Kraft von uns Eltern abverlangt wird.

Im zweiten Teil fragt sie sich jedoch - und das finde ich so schön - wie lange diese Momente denn wohl noch dauern. Und diesmal, im positiven, fast wehmütigen Ton. Ihre Liste an Fragen an sich selbst:

"Wie lang noch bis er aufhört, in meinen Armen einzuschlafen?

Wie lang noch bis sie aufhört, aus mir spontan für eine Umarmung in den Schoß zu krabbeln?

Wie lang noch bis er sich selber ernähren kann und mich nicht mehr dafür braucht?

Wie lang noch bis sie aufhört, mich 'Mama' zu nennen?

Wie lang noch bis es ihm zu peinlich ist, mich ganz doll und lang zu umarmen?

Wie lang noch bis sie zum Schlafengehen keine Lieder mehr mit mir singen will?

Wie lang noch bis sie mich nicht mehr brauchen?"

Wertschätzung und Dankbarkeit durch Fotografie

Ich bin mir sicher, du kannst diese Liste unendlich erweitern. Ich möchte dich dazu ermutigen in dich zu gehen, und dich ganz ehrlich zu fragen: Was liebst du an deinem Kind, an deinem Leben mit Kind? Was wird bald schon nicht mehr so sein, und was wirst du vermissen? Mache eine Liste, wenn dir das hilft! Ich glaube, sich allein diese Frage zu stellen hilft dabei die Zeit mit Kind besser wertschätzen zu können. Weil unsere Konzentration auf das Positive gelenkt wird.

Die Augen öffnen für das Gute

Wenn wir regelmäßig unsere Kinder fotografieren passiert genau das: Wir lenken unsere Aufmerksamkeit auf das (ästhetisch, momentan) Schöne und Positive. Wir machen uns sozusagen auf die Jagd nach der Schönheit in unserem Leben! Und das heißt nicht, das wir das Chaos und Negative ignorieren, sondern dass wir die Augen dafür öffnen was uns Gutes passiert. Nicht Anderes ist der Unterschied zwischen Pessimist und Optimist.

365 Grateful Projekt

Ein Exempel für diese Veränderung, die durch Fotografie passieren kann zeigt die Amerikanerin Hailey Bartholomew mit ihrem 365 Grateful Project. Als Fotografin und Mutter von zwei Kindern spürte sie eine ständige Unzufriedenheit mit ihrem Leben - obwohl doch alles sehr gut lief. Eine Nonne riet ihr, sich in Dankbarkeit und Reflektion zu üben und sich über 10 Tage hinweg des Abends zu überlegen, was sie dankbar macht und welche schönen Ereignisse am Tag passierten. Als Fotografin führte sie dieses Projekt über ein ganzes Jahr hinweg weiter - mit einem Polaroid pro Tag. In ihrem TED Talk (leider nur auf Englisch abrufbar) beschreibt sie, wie sich dadurch ihre Sichtweise auf ihr Leben verändert hat und wie viel glücklicher und zufriedener sie während und nach des Projektes war.

Natürlich gibt es andere Weisen sich selbst die Augen für das Gute zu öffnen. Die Fotografie ist dabei nur ein Weg von vielen. Zum Beispiel kann man jeden Tag einen kleinen Zettel schreiben, den man in sein Dankbarkeits-Glas wirft.

Doppelpack Fotografie: Dankbarkeit und Erinnerung

Nun hast du erfahren, was ich an der Fotografie so liebe. Bewusst geworden ist mir das erst richtig durch eine Freundin, die mir sagte: "Nina, ich glaube du nimmst die Kinder durch die Fotografie ganz anders wahr. Du schaust mehr auf die Details und das Liebenswerte. Zumindest spürt man das in deinen Bildern". Das größte Kompliment und gleichzeitig ein AHA-Moment! (Danke, Eva!)

"Ein Liebesbrief in Bildern"

Aber nicht die Wahrnehmung wird gestärkt - Fotografie hat da ganz nebenbei noch einen anderen Vorteil: Die Kindheitserinnerungen deines Kindes werden festgehalten. Nicht nur für dein Kind, sondern auch für dich! Du schreibst ihm sozusagen einen Liebesbrief mit Bildern. Schön, oder?

Die schönen Momente sind je nach Kind und Alter ganz unterschiedlich. Was sind euren liebsten Momente, Eigenschaften und Rituale mit eurem Kind? Wann geht euch so richtig das Herz auf? Ich bin gespannt!

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