Und ich sag dir, wo du fotografieren sollst!

Das Geheimnis scharfer Fotos im Haus

Eins vorweg: Ich bin eine überzeugte Available Light Fotografin. Und das heißt ich arbeite ausschließlich mit dem vorhandenen Licht. No Flash!

Warum? Ich glaube, dass sich dadurch Momente ein Stück weit natürlicher festhalten lassen. Nicht zuletzt, weil dein Kind nicht durch den grellen Blitz gestört wird. Ich will viel eher wie ein kleines Mäuschen sein, oder meinetwegen auch ein Spion mit dem geheimen Auftrag den Charakter, die Emotionen und Erlebnisse meiner Kinder festzuhalten. Und zum Anderen muss es manchmal einfach schnell gehen! Bevor ich den Blitz angesteckt habe ist die Situation vorbei. Schade!

Wie du die Lichtausbeute steigern kannst

"Viele meiner Bilder im Haus werden einfach nichts" -Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich das so oder ähnlich schon gehört habe. Und gerade jetzt, im auf uns zustürmenden Winter(tief) ist es halt einfach nicht so weit her mit vom Himmel herabstrahlendem Licht. In den eigenen vier Wänden kommt dann kaum mehr was an davon. Was also tun?

Lichtturbo einschalten, ist doch klar!

Ähm, ja genau! Meint: Versuche so viel Licht wie möglich zu erhaschen und auf dem Sensor der Kamera "zuzuführen". Die Regeln für den "Lichtturbo" sind eigentlich ganz simpel, aber oftmals denkt man in der Hitze des Gefechts nicht daran. 

Frontaler Lichteinfall

Frontaler Lichteinfall

Lichtschalter 1: Nähe zum Fenster

Je näher dein Kind am Fenster steht, desto stärker wird es angeleuchtet! Bei bedecktem Himmel solltest du es also so nah wie möglich am Fenster erhaschen.

Lichtschalter 2: Die richtige Tageszeit

Je heller es draußen ist, desto heller ist es auch drinnen. Zudem gibt es je nach Ausrichtung des Hauses, die Etage eurer Wohnung und der Fenster eine Zeit, in der besonders viel Licht einfällt. Achte in den kommenden Tagen mal darauf, wann das bei euch ist. Denn das ist die perfekte Fotozeit! Unter dem Dach kann man zum Beispiel am Nachmittag bis Abend noch gut fotografieren, während das Licht im Erdgeschoss dann schon längst zu schwach ist. 

Lichtschalter 3: Such das große Fenster

Je größer desto besser - was in anderen Lebenslagen gilt, stimmt auch auf die Fenstergröße zu. Deshalb lohnt es sich meist bei schlechtem Wetter - aber auch sonst - in dem Zimmer mit dem großem Fenster (meistens wohl das Wohnzimmer) zu fotografieren.

Silhouetten

Silhouetten

Lichtschalter 4: Die richtung des lichts

Um es kurz zu halten: Wenn das Licht frontal auf dein Kind fällt (und du also zwischen dem Fenster und dem Kind stehst) wirst du das meiste Licht einfangen können! Je seitlicher der Lichteinfall ist, desto schwächer die Lichtausbeute. Und wenn du direkt in Richtung des Fensters fotografierst hast du zwar eine Menge Licht, aber das Motiv - nämlich dein Kind - wird nicht richtig ausgeleuchtet (wenn du eine Silhouette oder Konturen betonen willst ist es aber OK!)

Lichtschalter 4: Nicht den Lichtschalter einschalten!

Mit Lichtern und Lampen jeglicher Art aufhellen ist eine schlechte Idee. Die Wellenlänge des natürlichen Lichtes entspricht nicht der des künstlichen Lichtes - und so hättet ihr dann auf den Fotos einen blöden Gelbstich vom Lampenlicht. Bähhh.

Lichtschalter 5: ISO erhöhen

Dieses Bild ist mit ISO 6000 aufgenommen, spät am Abend mit wenig Licht. Siehst du die grobe Körnung? Ich finde, sie hat auch ihren Reiz!

Dieses Bild ist mit ISO 6000 aufgenommen, spät am Abend mit wenig Licht. Siehst du die grobe Körnung? Ich finde, sie hat auch ihren Reiz!

Wenn du mit einer DSLR-Kamera fotografierst hast du noch einen Ass im Ärmel! Du kannst die Lichtempfindlichkeit des Sensors erhöhen. Das heißt, der Sensor braucht dann weniger Licht um trotzdem etwas abbilden zu können. Leider geht ein hoher ISO-Wert mit ISO-Rauschen einher. Und das sieht irgendwann (je nach Kamera ab ca. ISO 1600 sehr stark) einfach nicht mehr schön aus. Dazu sei gesagt, das der Look, der durch hohe ISO-Werte entsteht von vielen Fotografen inzwischen sogar beabsichtigt wird - also probiert es ruhig mal aus!

Lichtschalter 6: Ein lichtstarkes Objektiv

Vielleicht hast du schon einmal davon gehört, dass einige Objektive mehr, und andere weniger Licht hereinlassen - je nach dem wie lichtstark sie sind. Die Lichtstärke kannst du an der kleinsten Blendenzahl festmachen. Bei guten Festbrennweitenobjektiven sind das z.B. die Blendenwerte 1.4 oder 1.8. z.B. dieses Objektiv. Sie lassen also besonders viel Licht herein und so können auch in wenig lichtstarken Momenten noch gute Fotos gelingen.

Automatisch verschwommene Fotos

Du fotografierst im Automatikmodus oder mit dem Smartphone? Dann ist es besonders wichtig eine hohe Lichtausbeute zu haben, da sonst die Automatik

  • eine lange Verschlusszeit (länger als 1/160 Sek.) und/oder
  • hohe ISO-Werte ganz automatisch einstellt

Bei unseren zappeligen Kindern resultiert das dann in verschwommenen oder stark ISO-verrauschten Bildern.

So schaut's aus!

Anhand ein paar Beispielen aus meiner privaten Bildersammlung gebe ich dir einen Einblick in die Lichtsituation in diesen Bildern. Achtet auch selbst einmal darauf, wie in einigen Bildern das Licht eher diffus - also verteilt - und anderen eher gerichtet einfällt - und dadurch stärker erscheint.

GROßES Fenster rechts  (ISO 400)

ISO 400, 1/60 Sek. f/2,8, 28 mm

ISO 400, 1/60 Sek. f/2,8, 28 mm

Grosses Fenster rechts vorne (ISO 640), Licht Diffus

ISO 640, 1/320 Sek. f/1,8 35 mm

ISO 640, 1/320 Sek. f/1,8 35 mm

DoppelFenster links (ISO 800), Licht gerichtet

ISO 800, 1/160 Sek. f/2,8 16 mm

ISO 800, 1/160 Sek. f/2,8 16 mm

Frontallicht durchs fenster (ISO 100), Licht Diffus

ISO 100, 1/100 Sek. f/2,8, 18 mm

ISO 100, 1/100 Sek. f/2,8, 18 mm

Licht von hinten 

In diesen  Bildern trifft das Licht von hinten ein. Im linken Bild ziemlich stark gerichtet und im rechten Bild diffus. Und im unteren, rechten Bild wird das Licht des Fenster, das hinter den Beiden liegt, in den Buchseiten reflektiert. Ganz schön knifflig, oder?

Direktes Sonnenlicht (ISO 500)

ISO 500, 1/125 Sek. f/2,2, 35 mm

ISO 500, 1/125 Sek. f/2,2, 35 mm

Eine kleines Exempel: Regen und bewölkter Himmel

Meine große Maus bleibt heute zu Hause, deshalb zeige ich euch an einem kleinen Beispiel, was den Unterschied ausmacht. In den Raum fotografieren vs. in Richtung des Fensters fotografieren. Bei exakt den gleichen Lichtbedingungen und Einstellungen an der Kamera, nur durch die Anpassung des ISO-Wertes. Et voilà!

ISO 640, f/1,8, 1/100 Sek., 35mm

ISO 640, f/1,8, 1/100 Sek., 35mm

ISO 200, f/1,8, 1/100 Sek., 35mm

ISO 200, f/1,8, 1/100 Sek., 35mm

Das zweite Foto ist unter den exakt gleichen Lichtbedingungen entstanden. Jedoch habe ich mich diesmal seitlich-frontal zum Fenster positioniert. Hier konnte ich mit ISO 200 arbeiten. Siehst du, wie viel klarer das Bild dadurch ist?

Das erste Foto ist in Blickrichtung gegen das Fenster aufgenommen. Deshalb musste ich den ISO-Wert relativ hoch einstellen (ISO 640), um das Gesicht richtig ausleuchten zu können. Zusätzlich habe ich in der Nachbearbeitung noch etwas aufgehellt.

Übrigens:

Wenn du mit dem Smartphone fotografierst wirst du natürlich nicht von hohen ISO-Werten verschont. Denn dann macht das die Automatik von ganz allein .


Sag mir wo die Fenster sind, und ich sag dir...

...wo du fotografieren sollt! Als Faustregel kannst du dir merken, dass du im besten Fall zwischen Fenster und Kind stehst wenn du fotografierst. Du fotografierst also in den Raum hinein!

Dein Indoor-Fotografie Cheat-Sheet

  1. Lichtstarkes Objektiv
  2. Lichtstarke Tageszeit
  3. Kind nah am Fenster
  4. Hohe ISO-Einstellung falls nötig (möglichst nicht höher als ISO 1600)
  5. Möglichst geringe Verschlusszeit (nicht weniger als 1/160 Sek.)
  6. Großes Fenster, frontaler Blick aufs Kind = größte Lichtausbeute
  7. Die Kamera / das Smartphone ruhig halten

Und jetzt, viel Spaß beim Ausprobieren! Und teilt eure Ergebnisse gerne auf Facebook oder Instagram unter dem Hashtag #momentchen, wenn ihr konkretes Feedback möchtet.

 

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